Feuersalamander: Langlebig und ortstreu
Reiner Feldmann
Der Vivarianer, der seine
Lurche und Kriechtiere sachgerecht hält, wird feststellen können,
dass seine Pfleglinge ein erstaunlich hohes Alter erreichen. Wir wissen insbesondere
von mehreren Schildkröten, dass ihnen ein geradezu biblisches Lebensalter
beschieden sein kann. Aellen (1963) berichtet von einer Riesenschildkröte
(Testudo gigantea), die von Marion des Fresnes im Jahre 1766 von den Seychellen
auf die Insel Mauritius gebracht wurde; dort kam sie 1918 durch einen Unfall
ums Leben, war also (mindestens) 152 Jahre alt, wahrscheinlich aber bereits
200-bis 250jährig, weil sie zur Fangzeit bereits eine recht respektable
Größe hatte. Unter den Amphibien hält der japanische Riesensalamander
(Megalobatrachus japonicus) mit 62 Jahren den Rekord (Brodmann 1971). Der älteste
in Gefangenschaft gehaltene Feuersalamander (Salamandra salamandra) wurde immerhin
43 Jahre (Schmidtler 1969).
Nun wissen wir, dass beim Menschen wie bei den Tieren ein Unterschied zwischen
dem maximalen (oder besser potentiellen) und dem mittleren Alter besteht; letzteres,
das man mit der Lebenserwartung gleichsetzen kann und das aus Durchschnitts-
und Erfahrungsdaten errechnet wird, liegt wesentlich unter den möglichen
Höchstwerten. Und schließlich muss man erwägen, dass nahezu
alle diese Zahlenangaben auf Gefangenschaftsbeobachtungen basieren. Ob in der
Hand eines Liebhabers oder in den klimatisierten Räumen eines Zoos: Im
Regelfalle sind, optimale Bedingungen immer vorausgesetzt, die Lebensumstände
dieser Tiere günstiger als im Freiland. Die Überlebenschancen des
gefangen gehaltenen Tieres sind höher als die seiner freilebenden, aber
unter dauernder Feindbedrohung und wechselnd günstigen und ungünstigen
Witterungs- und Nahrungsbedingungen existierenden Artgenossen.
Nicht nur für die Wissenschaft, auch für den Terrarianer wären
verlässliche Angaben über die Lebenserwartung wie über das Maximalalter
freilebender Lurche und Kriechtiere von Interesse. Um solche Daten zu erhalten,
müssen freilich ganz bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Insbesondere
muss eine überschaubare, möglichst wenig vom Menschen gestörte
Population gefunden werden, die über Jahre hinaus studiert werden kann.
Sinnvoll und wünschenswert wäre die parallellaufende Kontrolle einer
zweiten, räumlich von der ersten getrennten Gruppe, um unabhängiges
Vergleichsmaterial zu erhalten. Und schließlich müsste ein technisches
Problem gelöst sein: Die individuelle Kenntlichmachung aller erreichbarer
Tiere, so dass auch nach Jahren noch eine eindeutige Identifizierung möglich
ist.
Die erste Voraussetzung bot sich dem Autor, als er zu Beginn der 60er Jahre
zwei etwa 30 Kilometer voneinander entfernt liegende, gut besetzte Winterquartiere
des Feuersalamanders fand. Sie liegen in alten, seit einem halben Jahrhundert
nicht mehr befahrenen Bergwerksstollen des südwestfälischen Berglandes.
Der halbzerfallene Stollenmund, inmitten weiter Buchen- und Fichtenbestände
gelegen, führt knietiefes Wasser.

Salamander F 6517, zwischen 1964/65 und 1972/73 alljährlich nachgewiesen. ( Aufnahmen: R. Feldmann )
Allmählich steigt der
Boden an; seitliche Rinnsale und von der Decke tröpfelndes Grundwasser
halten die relative Luftfeuchtigkeit auf 95 bis 99%. Das ist das richtige Kleinklima
für die überwinternden Salamander ! Frei auf dem Boden, auf seitlichen
Gesteinsbändern und -simsen, in Spalten oder unter Schieferplatten und
Erzbrocken liegen die leuchtend gelbschwarzen Lurche oft zu mehreren beisammen
und warten auf den Frühling. Die stets annähernd gleiche Zahl von
20 bis 40 im einen, rund 70 bis 90 im anderen Stollen, legte uns die Vermutung
nahe, dass es sich jeweils um Tiere handeln musste, die alljährlich ihr
gewohntes Quartier aufsuchen. Der Nachweis für die ortstreue Bindung (die
dem französischen Herpetologen Joly bereits für die Wahl der sommerlichen
Aufenthaltsorte gelungen war) konnte aber für die Winterquartiere nur geführt
werden, wenn es uns gelang, alle Tiere dauerhaft, eindeutig und (natürlich)
unschädlich zu markieren.
Die Warnung von Heusser (1958) war uns bekannt: "Amphibien sind in zweierlei
Hinsicht für Markierungen ausgesprochen ungeeignet: Erstens häuten
sie sich in Abständen von wenigen Tagen oder Wochen, was von vornherein
jede dauerhafte Markierung mit Farbzeichen verunmöglicht. Außerdem
muss jedes der Haut direkt aufliegende Zeichen... das Tier in seinem Häutungsverhalten
hindern. Zweitens ist das Regenerationsvermögen bei einigen Amphibien so
gut, dass Amputationen oder Ritzungen von unschädlichem Ausmaß schon
in kurzer Zeit unkenntlich sind."

Salamander F 6717, wurde zwischen 1966/67 und 1972/73 dreimal wiedergefangen
links Salamander F 6955, wurde in den Jahren 1968/69, 1970/71 und 1971/72 im Winterquartier bestätigt.
rechts Salamander 6641, war in den Jahren 1965/66 bis 1968/69 alljährlich im Stollen anwesend.
Eigene Versuche mit Perlonfäden
und numerierten farbigen Opalithplättchen, wie sie zur individuellen Kennzeichnung
von Bienenköniginnen Verwendung finden, misslangen denn auch prompt. Im
Winter 1964/65 endlich machten wir uns die Tatsache zunutze, dass die Salamander
ganz offensichtlich durch ihre jeweils unterschiedliche Rückenzeichnung:
durch Form, Größe und Anordnung der gelben Makeln, individuell gekennzeichnet
sind. Wir fotografierten jedes einzelne Tier unter einem Reprostativ, nahmen
Maße und Gewichte und ließen es an Ort und Stelle wieder frei. Im
nächsten Winter wurde dieselbe Prozedur wiederholt. Der mit Spannung erwartete
Vergleich der beiden Aufnahmeserien ergab eindeutige Befunde: 44 von den 77
im ersten Winter vorgefundenen Salamandern waren ohne jede Schwierigkeit beim
ersten Blick auf die mit der fotografischen Vergrößerung versehenen
Karteikarten als alte Bekannte wiederzuerkennen. Der Nachweis der Ortstreue
war also gelungen.
Winter für Winter wird seither die gesamte Population in der dargestellten
Weise fotografiert. Die Auswertung ist freilich nicht mehr so mühelos wie
1965/66, denn inzwischen müssen die jeweils neuen Aufnahmeserien mit Hunderten
von Konterfeis aus früheren Jahren verglichen werden. Es hat sich aber
immer erneut bestätigt, dass unsere Steckbrief-Methode zu eindeutigen Ergebnissen
führt; sie ist zwar ein wenig umständlich, hat dafür aber den
unschätzbaren Vorteil, dass sie die Tiere in keiner Weise beeinträchtigt.
Das Zeichnungsmuster ist nicht nur außerordentlich variabel und durchaus
individuell, wie die Beispiele auf den Bildern zeigen (unter vielen hundert
Feuersalamander-Aufnahmen, die meine Karteikästen füllen, ist bislang
auch nicht ein Foto, das Zweifel an der Identität des Tieres aufkommen
ließe); das Fleckenmuster ist auch (und das ist eine weitere Grundvoraussetzung)
ungemein konstant. Lediglich bei ganz jungen Tieren, ein- bis zweijährigen
Individuen, zeigen sich noch gewisse Abänderungen, die jedoch kontinuierlich
verlaufen und die Zuordnung der späteren zu den früheren Stadien noch
nach Jahresfrist ohne Schwierigkeit ermöglichen. Feuersalamander wachsen
zwar, wie unsere Daten belegen, auch im Alter noch und nehmen auch an Gewicht
zu; das Zeichnungsmuster aber bleibt in allen Einzelheiten konstant.
Heute, im neunten Jahr des Feldexperiments, sind von den 1964/65 erfassten Tieren
immerhin noch 14 Exemplare vorhanden. Drei von diesen Salamandern wurden in
jedem Winter erfasst; die anderen fehlten zwischenzeitlich bisweilen ein bis
drei Jahre. Entweder haben wir sie bei unserer Suche übersehen, oder sie
bezogen frostfreie Quartiere außerhalb der Stollen. Diese 14 Feuersalamander
sind inzwischen also mindestens 9 Jahre alt, mit Sicherheit aber älter,
weil sie zumeist bereits bei der Ersterfassung recht groß und schwer waren.
Es gibt nun eine gewisse Möglichkeit der Hochrechnung. Die Salamander nehmen
im allgemeinen kontinuierlich an Gewicht und Länge zu, wenngleich die Zuwachsrate
sich mit steigendem Alter abflacht (und einzelne Tiere auch einmal ein geringeres
Körpergewicht als im Vorjahr zeigen können). Die Zunahme bei den 14
alten Tieren betrug im Jahresmittel 2,5 Millimeter und 0,76 Gramm. Unter diesen
Salamandern lassen sich nun zwei Gruppen unterscheiden. Die eine, 1964/65 aus
mittelgroßen (11,5 bis 13,5 Zentimeter messenden und 12 bis 15 Gramm wiegenden)
Exemplaren bestehend, und eine zweite Gruppe, bei der die Tiere 14 bis 17,2
Zentimeter lang und 16 bis 31,S Gramm schwer waren. Drei Feuersalamander waren
jedoch im ersten Winter bereits deutlich länger und gewichtiger, als es
die größten Tiere der jüngeren Gruppe 1972/73, nach acht Jahren,
sind. Diese drei Tiere hatten also 1973, vorsichtig geschätzt, ein Alter
von 17 bis 19 Jahren, möglicherweise sind sie noch einige Jahre älter.
Bislang wurden in den beiden Quartieren insgesamt 383 verschiedene Feuersalamander
festgestellt; von den 359 bis 1971/72 beobachteten Tieren wurden 230 Exemplare
mindestens einmal, zumeist aber öfter, wieder bestätigt. Das entspricht
der hohen Wiederfundrate von 64%. Es wäre zu wünschen, dass diese
beiden Populationen noch lange ungestört ihre heimliche Existenz führen
können, damit wir fernerhin die willkommene (und seltene) Chance nutzen
dürfen, sie unter Kontrolle zu halten.

Quelle : Reiner Feldmann