Begegnung mit Alpensalamandern :

Von den Eindrücken eines herrlichen Julimorgens gefesselt, wanderte ich mit meinem Gastgeber von Garmisch dem Dörfchen Hammersbach entgegen. Obwohl es genug über die Pflanzenwelt dieses Gebietes zu erzählen gab, wanderten wir lautlos dahin. Keiner wollte das Weihevolle des jungen Tages stören, dass uns Wesen aus einer Welt voll Freude und Schmerz weit fortführt in ferne, unnennbare Weiten.....
Durch blühenden, taufeuchten Rasenteppich windet sich ein Fußweg nach Hammersbach. Der Himmel wird freier. Sonnenlicht flutet allenthalben aus den Räumen. Nebelfetzen irren von Wand zu Wand, sammeln sich und bilden zu unseren Füßen ein wogendes Meer. Das lastet über Schluchten und Wäldern und verdeckt uns das reizende Loisachtal. Der Hochwald liegt nun unter uns.

Nur einzelne wetterharte Tannen klettern da und dort in die Höhe. Daneben liegen die Trümmer einstiger Gefährten, Baumleichen, traurige Zeugen eines ewigen Kampfes. Dort stehen inmitten einer stattlichen Lärchengruppe abgestorbene Tannen, hochragend und gebleicht, gespensterhaft wie Galgenholz. Ist das nicht auch ein Symbol des wechselvollen Lebens? Nach kurzer Rast brechen wir auf und wandern weiter. Alpen- Gänsekresse (Arabis alpina), die Bärtige Glockenblume (Campanula barbata), Alpen-Leinkraut (Linaria alpina) und Zottiger Mannsschild (Androsace villosa) u. a. erfreuen uns mit einer bunten Blütenpracht. Der Nebel teilt sich, ein Stück blauer Himmel wird sichtbar, hier eine glatte Mauer, dort ein gelbes " Wandl " ( wie sich mein Gastgeber auszudrücken pflegte ). Ein Jauchzer meines " Anderl " ( der Vorname des Gastgebers ) zerbricht die gläserne Stille . . . Alpensalamander ! Tatsächlich - vier dieser schwarzlackierten Hochgebirgsbewohner kraxelten mit Tauperlen beladen eilig über Stock und Stein, als wollten sie vor uns Reißaus nehmen.

Der Alpensalamander ( Salamandra atra Laurenti ) ist ein echter Hochgebirgsbewohner. Der Name sagt es uns schon, dass vorwiegend die Alpengebiete seine Heimat sind und dort steigt er, wie mir berichtet wurde, bis annähernd 3000 m hoch. In Deutschland ist er in den Bayerischen Alpen ein allbekannter Lurch, gleichfalls bevölkert er die Schwäbische Alp und den Württembergischen Allgäu. Außer diesen genannten Gebieten ist er nur noch in den Hochgebirgen der westlichen Balkanhalbinsel anzutreffen - ein verhältnismäßig kleiner Wohnkreis im Vergleich zum Verbreitungsgebiet des Gefleckten und Gebänderten bzw. Fleckenstreifigen Feuersalamanders, Salamandra salamandra salamandra ( Linne) bzw. Salamandra salamandra terrestris ( Lacepede ).

Bei meinen Exkursionen machte ich hauptsächlich mit Tieren bis zu 11 cm Größe Bekanntschaft. Tiere von 14 cm Länge sind äußerst selten anzutreffen; gar 16 cm große Exemplare, die manche Herpetologen gesichtet haben wollen, dürften einmalige " Riesen " sein. Die Färbung ist bei lebenden Tieren ein glänzendes Tiefschwarz. Hin und wieder findet man welche, bei denen das Schwarz ins Braune übergeht. Bei toten und konservierten Tieren herrscht immer ein Schokoladenbraun vor. Der Körper dieses Hochgebirgsbewohners ist schlanker bzw. zierlicher als der des Feuersalamanders, dasselbe ist auch vom Kopf zu sagen. Die Haut ist glatt und glänzend wie beim Vorgenannten. Recht auffallend ist die Drüsenbildung. Während beim S. salamandra die Rückgratsdrüsen stärker als die Seitendrüsen hervortreten, sind es beim S. atra vornehmlich die Letztgenannten, die sich auffallend deutlich kugelig zeigen. Besonders sind auch die beiden wulstigen Ohrdrüsen zu nennen.

In der Färbung zeigen die Geschlechter keine Erkennungszeichen. Die Männchen sind meist schlanker als die Weibchen, hingegen sind die Kloakenwülste beim Männchen stärker als beim Weibchen. Die Jungtiere stellen eine Miniaturausgabe der Alten dar. Wie beim Feuersalamander so ist auch beim Alpenbewohner ein kiementragendes Stadium festzustellen, nur mit dem Unterschied, dass die Larven ihre vollständige Ausbildung und Umwandlung im Mutterleib durchmachen und als kiemenlose, etwa 4 cm große fertige Landtiere geboren werden. Dadurch, dass die Jungen bis zur Umbildung zum lungenatmenden Landbewohner im mütterlichen Körper verbleiben, brauchen die Weibchen nicht die Gebirgsbäche aufzusuchen, um ihre Jungen abzusetzen, wie das der Feuersalamander tut.

Der Alpensalamander gebiert also auf dem Lande. Seine Entwicklung erinnert daher unwillkürlich an die der lebendgebärenden Waldeidechse (Lacerta vivipara ).
Die Tiere paaren sich im Sommer - kaum vor Mitte Juli. Während der Feuersalamander 20, 40 und mehr Kiemenlarven auf einmal zur Welt bringt, werden vom Alpensalamander durchweg nur 2 Jungtiere geboren, sehr selten bis zu 4 und nur in Höhenlagen bis zu 1500 m. In jedem Fruchthalter reift nämlich nur 1 Jungtier, das sich von der Substanz der restlichen Eier " groß frisst ". Der Alpensalamander zeigt eine ungemein lange Trächtigkeitsdauer, nämlich 2 Jahre; in Hochgebirgslagen - von ungefähr 2000 bis 3000 m - dauert sie sogar 3 Jahre und länger an. Nach 3 - 5 Jahren ist er fortpflanzungsfähig. Als Aufenthaltsort bevorzugt er steiniges bzw. felsiges, vornehmlich bewaldetes Gelände. Tagsüber hält er sich meist gesellig in Felsspalten verborgen. Zu diesem Zweck sucht er auch gern morsche Baumstümpfe, überhaupt Morschholz auf. Sehr oft fand ich auch Tiere unter größeren Steinen vor, und auch Moospolster suchen sie als Unterschlupf auf. Am Tage verlassen sie nur bei und nach Regenfällen ihre Schlupfwinkel, um nach den umherkriechenden Würmern und Nacktschnecken zu suchen.

Es sieht dann spaßig aus, wenn sich so eine schwarze, kleine Gesellschaft auf Nahrungssuche begibt. Ansonsten zeigt er sich überwiegend nur des Abends und vor allein morgens bei wasserhaltiger Atmosphäre, wie ich es erlebte, als 4 solche schwarze Burschen eiligst einen Weg überquerten und einer Matte zustrebten. Seit Beginn meiner Terrarianerlaufbahn zählen Alpensalamander zum festen Bestand meiner Amphibiensammlung. Trotzdem sie sich noch weniger als ihr schwarz-gelber Verwandter dem Beschauer zeigen, nehmen diese einfarbigen schwarzen Burschen eine Sonderstellung unter meinen Pfleglingen ein. Sie sind meine Lieblinge, weil sie - für mich jedenfalls - ein Bestandteil des bezaubernd schönen Hochgebirges sind. Ich möchte nicht versäumen, auf Grund meiner Erfahrungen über die Haltung und Pflege dieser Tiere im Terrarium zu berichten:

Feuersalamander sind schon dem angehenden Terrarianer, vorausgesetzt, dass er die Pflege ernst nimmt, als dankbare und haltbare Tiere zu empfehlen. Hingegen ist der Alpensalamander für den Anfänger kein geeignetes Pflegeobjekt. Er ist ein heikles Terrarientier, der, wenn er ein Jahrzehnt und länger in der Gefangenschaft aushalten soll, einen erfahrenen Terrarianer als Betreuer braucht. Dieser Hochgebirgsbewohner legt sehr viel Wert auf ein biologisch richtig eingerichtetes Terrarium. Walderde, teils als Rohhumus, teils in lehmiger Beschaffenheit, die gleichzeitig das Substrat für die Bepflanzung bilden, sind ein wichtiger Bestandteil des Alpensalamanderbehälters. Als Bepflanzung empfehle ich kleine Polster des Weißmooses ( Leucobryum glaucum ), den Alpenbärlapp ( Lycopodium alpinum ) und den Tüpfelfarn ( Polypodium vulgare ). Von der " berühmten " immer empfohlenen Tradescantia bzw. Callisia sollte man absehen. Tradescantien sind Fremdkörper im Alpensalamanderterrariurn, außerdem gehören sie nicht zu der Flora unserer Heimat. Diejenigen, die unbedingt Wert auf Rankengewächse legen, sollten dann in erster Linie das frischgrüne und schön gelb blühende Pfennigkraut ( Lysimachia nummularia ) oder kleinblätterigen Efeu verwenden. In ein biologisch richtig eingerichtetes Terrarium für diese Tiere gehört auch kein Zierkork. Verstecke, die die Salamander aufsuchen, lassen sich naturgemäß mit Teilen morscher Baumstuppen schaffen und die " Alpen " können wir gut "en miniature " mit Kalksteinbrocken nachbilden. Wenn wir auf diese geschilderte Art und Weise einen Ausschnitt aus dem Hochgebirge nachbilden, können wir gewiss sein, dass sich unsere Pfleglinge wohl fühlen.

Der Einbau eines Wasserbeckens ist nicht zu empfehlen, da Alpensalamander verhältnismäßig leicht ertrinken, sogar in Wassertiefen von nur 1 cm. Es ist ratsam, die Moospolster bzw. Pflanzen öfters mit abgestandenem Wasser zu übersprühen, das wirkt sich nämlich auch sehr auf das Wohlbefinden der Tiere aus. Ein Wasserbehälter ist dann nicht unbedingt erforderlich. Glaubt man aber, auf einen Miniaturgebirgssee nicht verzichten zu können, eignet sich hierzu bestens ein mittelgroßer, tönerner Blumentopfuntersetzer, der zur Hälfte mit grobem Kies gefüllt sein muss. Der Wasserstand darf nicht höher als 5 mm sein, und mit Hilfe flacher Steine muss unbedingt ein bequemer Ausstieg geschaffen werden.

Einer intensiven Sonnenbestrahlung darf das Terrarium selbstverständlich nicht ausgesetzt werden, da das nicht mit der Lebensweise unserer Pfleglinge im Einklang steht, jedoch wirkt sich etwas Morgensonne nicht ungünstig aus. Höhenluft können wir diesen Gebirglern natürlich nicht schaffen, aber Frischluft der Natur, d. h.: das Terrarium im Freien aufstellen. Ist kein Garten vorhanden, dann sei es aber auf dem Balkon oder einer ähnlichen Stelle. Muffige, warme Zimmerluft trägt keinesfalls zum Wohlergehen der Tiere bei. Denken wir an ihren Lebensraum, dann dürfte das einleuchten. Man tut gut, wenn man das Terrarium hin und wieder einem warmen Sommerregen aussetzt. Die Salamander lassen dann nicht lange auf sich warten, kommen aus ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen und lassen mit Wohlbehagen die natürliche Dusche über sich ergehen. Es ist darauf zu achten, dass der Inhalt des Terrariums nicht vollkommen durchnässt wird; denn ein nasser Bodengrund ruft oft Hauterkrankungen der Pfleglinge hervor. Die Fütterung bereitet keine Schwierigkeiten. Nicht allzu große Regenwürmer ( keine sog. Mistwürmer! ) und Nacktschnecken bilden die Hauptnahrung. Winterruhe ist unbedingt erforderlich. Zu diesem Zweck stellt man den Überwinterungsbehälter in einen kalten Raum, je nach Witterung ab Oktober / November bis März / April. Beste Überwinterungstemperatur: + 5-0 0C. Alle 2 - 3 Wochen ist der Inhalt des Behälters leicht mit Wasser zu bespritzen. Als ich die Tiere früher im dunklen Keller überwinterte, hatte ich ständig Verluste. Daher entschloss ich mich, hierfür eine helle sog. Bodenkammer in Beschlag zu nehmen. Und das mit Erfolg als nunmehr ständigen Überwinterungsraum.

Bei meinen Feuersalamandern konnte ich während der Paarungszeit, besser gesagt, während der Liebesspiele, eine Art quiekende bzw. piepsende Laute vernehmen. Bei den Alpensalamandern hingegen nicht, damit soll aber nicht gesagt sein, dass er keine Stimme besitzt. Alles in allem: Wenn sich dieser Mohr ( er wird auch Mohrensalamander genannt ) auch tagsüber, wie schon erwähnt, nur bei wasserhaltiger Atmosphäre zeigt ansonsten aber in seiner Höhle sitzt und bestenfalls die "Nasenspitze " hervorlugen lässt, ist er dennoch ein interessanter, eigenartiger und auch dankbarer Pflegling. Letzteres natürlich nur, wenn wir seinen Biotop so gut wie möglich nachbilden und das Terrarium der frischen Luft aussetzen. Tun wir das, dann ist es wahrscheinlich nicht unmöglich, dass er ein Jahrzehnt und noch länger in der Gefangenschaft aushält und in einem großen Terrarium bzw. Freianlage lebendige Junge zur Welt bringt.

Quelle : Harry Lehmann aus dem Jahre 1962

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