Wie kein anderer einheimischer Lurch schreit doch der schwarzgelbe Feuersalamander förmlich nach einem Terrarium, in dem die ganze wundervolle Romantik des deutschen Waldes eingefangen ist. So kann es sein, dass mancher "alte" Terrarianer einige meiner Bemerkungen über die Unterbringung und Haltung des Feuersalamanders entrüstet von sich weisen wird. Vielleicht wird er mich sogar einen trockenen, poesielosen, sterilen " Hygienomanen " heißen. Ich stelle zur Diskussion:
Romantik oder Hygiene? Feuersalamander lieben Sauberkeit ( Bilder liegen
im Original vor )
Wer in den frühen Morgenstunden oder nach einem warmen Gewitterregen in
unseren Laubwäldern nach den die Feuchtigkeit über alles liebenden
Salamandern sucht, findet da tausend Anregungen, ein Feuersalamander-Terrarium
einzurichten: Wurzelstöcke mit alraunenhaften Ausläufern, dicke, saftige
Moospolster, schattenliebende Farne, flechtenüberzogener Fels - irgendwo
dazwischen die Fläche eines glasklaren, kühlen Waldgewässers,
dessen Grund vom braunen Laub des letzten Herbstes bedeckt ist. Möglichkeiten
über Möglichkeiten, ein Stück Natur in das Heim zu zaubern!
Ja, auch ich weiß das. Rucksackweise habe ich früher all die schönen
Dinge der natürlichen Salamander-Umwelt nach Hause geschleppt, habe in
mächtigen Terrarien mit allerlei kniffen mein Bestes getan, in solchen
" Naturausschnitten " eine Art biologischen Gleichgewichtes herzustellen.
Von Jahr zu Jahr habe ich in dieser Kunst sogar kleine Fortschritte gemacht.
Und das besagt gleichzeitig, dass ich jedes Jahr von vorne begann. Denn länger
ging es nicht - mein Salamanderwald moderte still vor sich hin, früher
oder später, aber unausbleiblich. Und in ihm moderten die kümmerlichen
Reste der bedauernswerten Insassen. Jedermann weiß, dass man Salamander
nur selten zu Gesicht bekommt. Man spricht gern von " heimlichen Gesellen,
Dämmerungstieren " oder in anderen Umschreibungen, die besagen sollen,
dass sie scheue, versteckt lebende Tiere sind. Ich glaube, da liegt ein Missverständnis
vor: Wenn einmal die Luft im Walde so feucht ist, dass es rundum richtig tropft,
dann laufen die Nachkommen der Ahnen aus den tropischen Sümpfen der Steinkohlenzeit
sehr vergnügt und ohne jede Scheu am helllichten Tage umher. Man ist fast
versucht, zu sagen: Sie freuen sich, dass sie endlich wieder einmal aus ihren
unterirdischen Verstecken herauskommen konnten. Sie haben nämlich einen
Wasserhaushalt, der es ihnen unmöglich macht, längere Zeit von trockener
Luft umgeben zu sein. Ihre Haut wird dann trüb, runzelig, schlaff - die
Tiere ersticken und vertrocknen.
So gehorchen sie wohl der Not und nicht dem eigenen Triebe, wenn sie ein "
heimliches " Leben führen. Freilich kommt dazu, dass ihnen - wie jedem
Wildtier, das Feinde hat - ein ausgeprägtes Fluchtverhalten angeboren ist.
Selbstverständlich laufen sie uns nicht bereitwillig in die Hände,
wenn wir ihnen begegnen, sondern versuchen, ein Versteck zu erreichen. Diese
Gewohnheit behalten sie auch in dem wunderschönen Salamander-Terrarium
bei. Mit sehr viel Geduld allerdings kann man ihnen beibringen, zu bestimmten
Stunden das Futter sogar von der Pinzette zu nehmen: Mehlwürmer und alle
anderen Insekten dieser Größenordnung, kleine Nacktschnecken und
Regenwürmer. Von einem besonderen Vertrautwerden kann man dabei aber nicht
sprechen. Der Mensch bleibt für sie weiterhin unheimlich. Sie ziehen es
gewöhnlich vor, sich nach der Fütterung wieder zu verstecken: Sicher
ist sicher. Zwei wichtige Ereignisse aber veranlassen sie, das verborgene Dasein
aufzugeben: die Paarung und das Absetzen der Jungtiere. In der Natur können
sich Salamander während der ganzen warmen Jahreszeit paaren, im Terrarium
- unter günstigen Verhältnissen - auch mitten im Winter. Ihr Balzverhalten
(*1) ist urtümlich und nicht so kompliziert wie bei den Molchen (vergleichen
Sie das Januar-Heft des AQUARIEN-MAGAZINS).
Wie kommt es, dass einzeln gehaltene Weibchen zwei oder drei Jahre hintereinander
ohne Zutun eines Männchens ablaichen können ? Ein Teil der Spermien
wird vom Weibchen aufbewahrt, und ohne weitere Paarungen kann noch eine zweite
und dritte Generation geboren werden (*2). Ist es wieder einmal so weit, sucht
das Weibchen einen Waldbach auf - im Terrarium ein Wasserbecken - und kriecht
soweit hinein, dass meistens nur noch der Vorderkörper außerhalb
des Wassers bleibt. Nun setzt es die Jungen ab, die den Molchlarven nicht unähnlich
sind, die aber bereits bei der Geburt alle vier Beine entwickelt haben. Je nach
dem Futterangebot wandeln sie sich nach drei, vier Monaten in fertige, etwa
fünf Zentimeter lange Salamander um und verlassen das Wasser, um die Lebensweise
der Alttiere zu führen. Wenn also zu einem dieser Anlässe die Feuersalamander
unseres Wald-Terrariums ihre gewohnten Verstecke verlassen, gehört natürlich
einiges Glück dazu, dabei zu sein. Mehr als einmal im Jahr tun sie das
nämlich nicht. Falls überhaupt ! Es ist sogar sehr wahrscheinlich,
dass sie eines Tages nicht einmal mehr zum Füttern auftauchen. Weil wir
eines ganz richtig gemacht haben: unseren Salamander-Biotop so schön feucht
gehalten, wie das seine Insassen lieben. Wir haben wirklich kein einziges Mal
vergessen, die Feuchtigkeit zu kontrollieren. Aber gerade dabei tritt etwas
ein, was sich zunächst gewöhnlich sehr erfolgreich unseren prüfenden
Blicken entzieht: Ganz von unten her kommt es, das langsame, aber stetige Faulen
und Verwesen, trotz aller möglicher Vorsichtsmaßnahmen. Und noch
ehe dieser kleine Naturausschnitt auf Krücken gänzlich zusammenbricht,
reagiert die unglaublich empfindliche Salamanderhaut auf die erkrankte Umwelt.
Durch die gelben Flecken dringen die angereicherten Giftstoffe ein, und sehr
bald schon sind unsere Pfleglinge tot. Diese bittere Erfahrung habe ich nicht
allein gemacht; ehrliche Terrarianer haben es in ihren Aufsätzen immer
wieder zumindest erwähnt.
Und so war es dann eines Tages bei mir so weit. Unweigerlich steht man vor der
Entscheidung: Egoismus oder Altruismus. Will ich meine Freude an einem schönen
Landschafts-Terrarium haben, oder will vielleicht der Salamander ein zufriedenes
Leben führen ? Ich entschied mich nach der Überwindung innerer Kämpfe
für den Salamander und legte mir die Frage vor, ob das Gehirn eines solchen
Steinkohlen-Reliktes kompliziert genug ist, um die Schönheit eines "
natürlichen " Terrariums ausreichend würdigen zu können.
Ich habe genug Gründe, diese Frage zu verneinen. Die nächste Frage:
Muss ein Salamander wirklich ein Versteck haben, das ihn meinen Blicken gänzlich
entzieht, oder könnte ihm vielleicht ein dunkler Winkel, in dem er seine
Ruhe hat, solch ein Versteck ersetzen ? Ja ! Der zweite Punkt hieß: Welches
Material ? Es muss wasserfest sein und leicht zu säubern. Also Kunststoff
! Der letzte Schrei meiner zahlreichen Haltungsversuche ist nun ein geräumiges
Regalfach, durch eine Glasplatte verschließbar und ganz und gar mit selbstklebender
Plastikfolie ausgeschlagen. Darin steht eine geeignete Wasserschüssel,
bequem können die Tiere ein- und aussteigen. In das Wasser reicht ein Zipfel
des in den bekannten Rollen erhältlichen, saugfähigen Papiers (ungefärbt).
Aus diesem Saugpapier können wir einen Hügel modellieren, und die
Oberflächenverdunstung schafft bald eine so feuchte Atmosphäre, dass
sich vom Papier weg noch Pfützen bilden, die von den Tieren gern aufgesucht
werden. Diese " Höhle " hat keine Durchlüftung - es genügt,
einmal am Tag den Glasdeckel zwei-, dreimal kräftig zu schwenken, um die
Luft " umzuwälzen " oder bei der Fütterung eine Weile offen
zu halten. Auf diese Weise ist der Feuchtigkeitsverlust gering. Alle vier Tage
wird saubergemacht und der Bau ausgewaschen, werden abgestandene Wasserlachen,
Exkremente und abgestreifte Häute herausgewischt. Die Salamander sind zahm
und fressen aus der Hand. Auf meiner Hand sitzen sie ebenso gern wie auf einem
Blatt Papier auf meinem Schreibtisch unter der grellen Lampe. Ich weiß
nun immer genau Bescheid über ihren jeweiligen Zustand, die Sauberkeit,
ihre Fresslust, die Menge der aufgenommenen Nahrung, kurz - es gibt keinen unvorhersehbaren
Faktor. Ein Weibchen bringt die Jungen unter der Linse eines großen Reproduktionsgerätes
unbekümmert zur Welt, man kann zusehen, wie die Tiere die Haut abstreifen,
man kann ihre Bewegungen verfolgen, man kann - nun, ich glaube nicht zu übertreiben,
wenn ich sage: persönlichen Kontakt mit den Salamandern bekommen. Und man
hat das sehr beruhigende Gefühl, es kann einfach nichts schief gehen mit
den zutraulichen Mitbewohnern meines Arbeitszimmers. Und das sowohl im Sommer
als auch im Winter.
Die abgesetzten Larven halte ich einzeln in kleinen, flachen Glasschalen, deren
Wasser nicht zu warm und sauerstoffarm werden darf. Als Einrichtung genügt
ein Elodea - Zweig. Als Futter dienen Wasserflöhe, Tubifex und Enchyträen.
Salamanderlarven sind unglaublich gefräßig und können recht
große Futtertiere verschlingen. Sobald die graugesprenkelte Zeichnung
den schwarz - gelben Farben zu weichen beginnt und die Kiemen rückgebildet
werden, senkt man den Wasserstand so, dass die Tiere den Kopf leicht aus dem
Wasser halten können. Nach einer letzten Häutung ist die Metamorphose
beendet: Die lungenatmenden Salamander, die nun genauso leicht zu halten sind
wie ihre Eltern, sind " fertig ".
Eine Überwinterung erübrigt sich, wenn man eine entsprechende Futtertierzucht
( Motten, Speckkäfer, Mehlwürmer, möglichst zwei oder drei Arten
zur Abwechslung ) hat. Und so kann man sogar - das braucht aber viel Zeit -
versuchen, verschiedene Rassen von " Haus - Salamandern " zu züchten.
Man könnte hierbei von Kreuzungen des gewöhnlichen Feuersalamanders
( Salamandra salamandra salamandra ) und seiner westlicheren Form, dem Gebänderten
Feuersalamander ( Salamandra salamandra quadrivirgata ) - wie sie auch in Mitteldeutschland
auf freier Wildbahn vorkommt - ausgehen. Es wäre ein interessanter Versuch.
Aber es dauert halt drei bis vier Jahre ( unter günstigen Bedingungen ),
bis die Jungen fortpflanzungsfähig werden. Immerhin ist es lohnend genug,
wenigstens einmal eine Geburt zu beobachten.
(*1) Wer sich genau informieren möchte, sei auf das Buch Molche und
Salamander von Dr. Gerd von Wahlert (KOSMOS-Verlag, Stuttgart) hingewiesen.
(*2) Diese Vorratsbefruchtung kennen wir auch von unseren Guppys.
Quelle : Eberhard Trumler